Angeschissen: Von Thailand bis Bali

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Angeschissen. Jetzt bist du angeschissen. Das war mein Gedankengang, als mein Fuß ins Leere getreten ist. Die Leere, wo eigentlich eine Stufe hätte sein sollen, aber nicht da war. Ein Geräusch, das sich nicht gut angehört hat, eine Schwellung, die binnen Sekunden nicht gut ausgesehen hat. Ja, definitiv angeschissen. „Borneo kannst du sausen lassen, Bali auch. Mit diesem Klumpfuß kannst du eigentlich direkt nach Hause fliegen und dich sechs Wochen hinlegen.“ Dicke Tränen sind in meine Augen geschossen, als die ersten Interpretationen laut wurden. Explodiert sind die Tränen, als die Nummer mit den sechs Wochen im Krankenhaus bestätigt wurde.

Angebrochen, Bänderdehnung, Krücken.

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Nein. Einfach nur Nein. Bei dieser Nummer bin ich raus, diese Nummer konnte und wollte ich mir schlichtweg nicht erlauben. Tschüss Strand, hallo Arbeitsunfähigkeit. Zum ersten Mal seit fünf Monaten Selbstständigkeit sah ich mich mit Dingen konfrontiert, die ich zu Beginn meines neuen Arbeitslebens im Dezember einfach weggelächelt habe. Ich habe natürlich keine Versicherungen für so einen Käse, also bekomme ich kein Geld, wenn ich nicht arbeiten kann. Und mindestens 50% meiner Arbeit bestehen nun mal aus Laufen, und zwar mit zwei funktionstüchtigen Füßen. So ist das, wenn man sich gegen das normale System auflehnt, sparen will wie ein Fuchs und final deswegen angeschissen ist.

Einfach nur angeschissen.

In einem solchen Fall hilft nur noch die gute alte Beratungsresistenz, somit habe ich meine Krücken bereits nach sechs Tagen ins Eck gepfeffert, bin unter Schmerzen aus Thailand rausgehumpelt und mit einem fast explodierendem Fuß in Borneo einmarschiert. Und wisst ihr was? Seit dieser überstrapazierten Reise läuft mein Fuß wie eine eins und hat mich überall hingetragen, auch durch einen Nationalpark, in dem ich nicht umhin kam, direkt wieder Unfug zu treiben. Zwar unter Schmerzen, aber die Kriegerin kann es verkraften. Bin ja kein Mann. Die ganze Borneo-Nummer gibt es hier zum lesen.

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So bin ich eine Woche später mit nur semischmerzenden Fuß, aber durchweg glücklich in Bali aufgeschlagen und war mir sicher: Die Nummer mit den Stränden läuft, hier kannst du getrost zwei Monate auf und ablaufen, bis du dein Soll erfüllt hast und fertig bist.

Um die Strände zu erheben, läuft Cathrin jeden morgen einen neuen Beach ab

Wusstet ihr, dass man 35 Dollar zahlen muss, um am Flughafen in Bali ein Visum zu bekommen, das nach einem Monat verlängerbar ist? Also ich wusste das, deswegen habe ich mir zeitig das entsprechende Geld in die entsprechende Währung umgetauscht und hatte dieses in der Hosentasche, als ich völlig übermüdet mitten in der Nacht eingereist bist. Ein wenig verwirrt war ich, als ich an fünf geschlossenen Payment-Countern vorbeigelaufen bin und final mit einem Stempel im Pass den Flughafen verlassen habe. Ob sich da was geändert hat? Muss man das nun doch nicht zahlen? Egal, wird schon passen.

Es hat nicht gepasst.

„Bist du des Wahnsinns??? Du hättest zahlen müssen, das kostenlose Visum, das es seit einem halben Jahr ebenfalls gibt, ist nicht verlängerbar, das wird einen riesengroßen Ärger geben“. Die Worte meines Beach-Buddys hallten in meinem Ohr, als ich über die aktuellen Geschehnisse referiert habe.

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So schlimm kann es nun auch wieder nicht sein, dann fahr ich eben zum Immigration Office nach Kuta und zahle das nachträglich, so mein Gedankengang. Und dann haben sich die Ereignisse überschlagen. Nach einer entsetzlichen und nervenaufreibeden Fahrt im Super-Mario-Stil war der Dialog im Office ungefähr der folgende:

Can I please…. No….But…. No!

But if I….No….But please let me explain… No!

If there would be a possibility…. No…. But…. No. NEXT!

Quintessenz: In 20 Tagen muss ich das Land verlassen. Ich bin quasi wieder angeschissen. Herrschaftszeiten. Ich habe weiß Gott keine schlimmen Probleme im Leben, dafür bin ich sehr dankbar und möchte mich auch nicht beschweren. Aber dennoch gelingt es mir beinahe wöchentlich, Dramen heraufzubeschwören, die in der Regel vermeidbar gewesen wären. Dramen, die mich zur Weißglut bringen, Dramen, wegen denen ich am liebsten explodieren würde. Klar, ich kann meine Bali-Nummer auch in drei Wochen durchziehen und einfach nach Hause fliegen. Denn nach Bali wollte ich prinzipiell ohnehin mal nach Hause. Aber wenn ich mir die aktuellen Wetterentwicklungen in Deutschland so anschaue, macht es wohl Sinn, meinen Aufenthalt hier ein bisschen auszudehnen und einfach so lang zu bleiben, bis der deutsche Sommer bereit für mich ist. Also im Juli und August. Yes, das wäre mein geplantes Zeitfenster für einen Deutschlandaufenthalt. Wenn das Wetter auch dann nicht passt, bin ich halt angeschissen.

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Wer heulend vor dem Immigration Office sitzt und eine entsprechende Aufmerksamkeit erzeugt, hat am Ende des Tages wenigstens noch eine lustige Geschichte zu erzählen. Unter dem Tisch lässt sich immer was regeln, so gibt es vor diesem Office allen Ernstes einen hochoffiziellen Officer, der allerdings hochillegale Lösungswege vorzuschlagen hat. Dieser Officer sitzt qualmend vor dem Haupteingang und bietet nervlichen Wracks seine Zigarette an. Eine Zigarette, der er einen ordentlichen Batzen Gras untergemischt hat. Gras, das er zu Hause auf seinem Balkon anbaut, ein Tatbestand, den er mir gleich mit Fotos auf seinem Handy bewiesen hat, als er in meine entgleistest Gesicht geblickt hat. Ich war fassungslos. So gerne ich sofort mitgeraucht hätte, aber nein, nach den letzten Geschehnissen konnte ich mich nicht kiffend vor ein Immigration Office setzen. Sonst jagen die mich irgendwann mit einem Stock aus dem Land. Und nur die wahren Kenner wissen, wie die Geschichte wirklich war. Als ich Anklage erhoben habe, dass ich nur ungern das Land verlassen möchte, um am gleichen Tag wieder zurück zufliegen, hat sich noch ein weiteres Spektakel aufgetan: Wenn ich möchte, wird mein Pass das Land verlassen und wieder zurückkommen und zwar mit den richtigen Stempeln. Ich kann währenddessen am Strand warten. Ole, Ole.

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Da bin ich raus, die Nummer läuft ohne mich. Auch wenn ich gerne nach Alternativen entgegen des Mainstreams suche, aber sowas traue ich mich einfach nicht. Schließlich steht ohnehin noch ein Bußgeldverfahren in diesem Jahr aus, das mir meine Wahrsagerin vor nicht allzu langer Zeit für 2016 prophezeit hat. Lassen wir das, auf eine Nacht im indonesischen Frauenknast habe ich auch keine Lust. Wobei das mit Sicherheit was für den Blog wäre.

Nach einer kurzen Diskussion und meiner weiteren Unlust, nach Kuala Lumpur zu fliegen, wurde mir eine letzte Möglichkeit aufgezeigt: Ein Ausflug nach Timor Leste in Osttimor. Ein Stadtstaat, der sich vor 2000 Jahren von Indonesien abgekoppelt hat und nun autonom im Meer vor sich hintümpelt. Eine tolle Idee, aber auch hier ein klares Nein. Da bin ich ebenfalls raus, selbst wenn es mir in den Fingern juckt, einem Land einem Besuch abzustatten, das unter normalen Umständen nie auf meiner Bucket-List stehen würde.

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Nun. Am Ende des Tages habe ich meine alkoholfreie Woche nach nur zwei Tagen beendet, den Frust mit kühlen Bintang runtergespült und mich auf die Suche nach angemessenen Flügen nach Kuala Lumpur gemacht und gefunden. Das wird bestimmt ein lustiger Ausflug, ich freue mich schon jetzt auf den 22.Mai. Aber es hilft einfach nix. Früh morgens um sechs geht es los, mit Macbook und Bikini im Gepäck, man munkelt, es gäbe ein Day-Spa am Airport. Am Abend um 18 Uhr fliege ich dann wieder zurück , um fröhlich und munter erneut einzureisen, diesmal läuft die Visa Nummer hoffentlich. Auf eine kleine Ironie ist in dieser Geschichte auch noch  zu verweisen: Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht gewusst. Schließlich war ich vor zwei Jahren schon mal da und habe meinen Blog mit einer Geschichte eröffnet, in der es darum geht, wie man in Indonesien anständig seine Visa-Sache regelt. Naja. An Tagen wie diesen stelle ich mich gerne an den Strand, erfreue mich an der Leichtigkeit des Seins und lache einfach vor mich hin. Angeschissen, aber immer noch freudig erquickt. Bis bald.

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4 Comments

  • Sieglinde Voit sagt:

    Mit 30 wird es hoffentlich besser! Du machst schon Sachen!

  • Ella sagt:

    Oje, ich fürchte, ich muss ein klein bisschen klugscheißern: Timor-Leste wird im deutschen Sprachgebrauch auch Osttimor genannt, teilt sich die Insel Timor mit Westtimor, das nach wie vor zu Indonesien gehört und ist mitnichten seit 2000 Jahren von Indonesien unabhängig, sondern erst seit dem Jahr 1999 (n.Chr.). Es ist auch kein Stadtstaat, sondern etwa so groß wie Schleswig-Holstein.
    Soll übrigens paradiesisch schön sein und touristisch gesehen terra incognita 😉

  • OnYourPath sagt:

    Ahhh ja solche Probleme kennen wir auch nur zu gut 😉 Auch wenn sie teils nervig sind, so gehören sie auch einfach zur Reiseerfahrung dazu, vor allem das abgezockt werden 😉

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