Caroline

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Es ist 4:13 Uhr und ich stehe im Bett, während mir dicke Tränen über die Wangen kullern. Wenn ich nun ein Luftgewehr hätte, wüsste ich, was ich damit tun würde: Diesen gottverdammten Gecko vom Baum schießen. Peng, Peng. Zusammen mit seinem Freund, diesen komischen Vogel. Ich weiß nicht, was das für ein Vogel ist. Aber er treibt mich in den Wahnsinn. Vielleicht suche ich aber auch einfach nach Ausreden und treibe mich selbst in den Wahnsinn.

Denn schlafen kann ich schon lange nicht mehr.

Ich kugel aus meinem Bett und in meinem Zimmer sieht es aus wie Sau. Überall liegen Klamotten rum, auf meinem Laptop ist Sand. Kabel liegen auf dem Boden, mein Rucksack ist feucht. Ich hätte vor zwei Tagen mal Wäsche abgeben müssen. Hab ich aber nicht. Warum? Keine Ahnung. Nun habe ich keine Unterhosen mehr.

Whoop Whoop.

Auf meiner Terrasse sitzen zwei Hunde und knurren mich an, bis sie von diesem elendigen Gecko abgelenkt werden und davon rennen. Ich lege mich in meine Hängematte und stiere auf die leere Weinflasche.

Es lebe die Fastenzeit.

Ich bin rastlos. Und habe Angst. Angst vor mir selbst, denn ich befinde mich gerade an einem Punkt in meinem Leben, von dem ich nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt. Ich sitze in einem dunkelschwarzen Loch. Getrieben von der Rastlosigkeit springe ich aus meiner Hängematte. Zu gerne würde ich meine zwei Flip Flops anziehen, habe aber nur noch einen. Verloren, irgendwo und irgendwann in meinem Chaos-Life. Deswegen renne ich barfuß los, Richtung Strand.

Lauf, Cat, lauf.

Als ich ankomme, stockt mir der Atem. Ich schaue runter zum Wasser und da sitze ich. Mit einem grünen Shirt bekleidet, weinend, aufs Meer schauend. Jetzt habe ich es geschafft. Durchgedreht, Schizo. Hat die Seele meinen Körper verlassen? Sitz da ein Abbild meiner selbst? Ungläubig und hektisch laufe ich auf dieses etwas, das da im Sand sitz, zu. Ich werde ruhiger, denn das bin ja gar nicht ich. Es ist Caroline. Gott sei dank.

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Caroline sitz da wie ein Häufchen Elend. Aschfahl, faltig im Gesicht. Junkie-Style. Der schneeweße Körper von einem feuerroten Sonnebrand überzogen. Sie stierrt aufs Meer. Abgesehen von der Hautfarbe und der zerschundenen Haut sieht sie aus wie meine Zwillingsschwester. Ich setze mich zu ihr und gemeinsam blicken wir aufs Meer. Niemand spricht, beide schluchzen. Bis wir es uns gemütlich machen und irgendwann anfangen zu reden.

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Caroline ist 33 Jahre alt möchte ein neues Leben anfangen. Sie will nun reisen und dabei einen Blog schreiben. Irgendwie Geld damit verdienen. Ungläubig schaut sie mich an, als ich ihr erzähle, was ich mache. Und dabei in Tränen ausbreche. „Es ist Ok“, sagt sie. „Life sucks“. Caroline war Radiomoderatorin, bis sie vor drei Monaten einfach gekickt wurde. Raus aus der Morningshow, raus aus dem Sender. Tschüss, Radio! Als ich ihr sage, dass ich Zeit meines Lebens gerne beim Radio arbeiten wollte, sagt niemand mehr was. Wir schweigen. Was ist das für 1 Begegnung am frühen Morgen?

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Wir gehen Frühstücken. Ich frage sie, warum sie raucht wie ein Schlot und ob sie es schon jemals versucht hat, zu lassen. Nein, irgendwann ist es eh vorbei. Das wurde ihr gezeigt während der Anschläge in Paris. Sie wohnt in der Straße, in der das Drama seinen Lauf genommen hat. Sie hat sehr viele Freunde verloren dabei. Heute kann sie gar nicht mehr in der Straße sitzen, obwohl sie es so gerne gemacht hat. Da sitzen, Kaffee trinken, rauchen. Das ist nun vorbei. Caroline sieht elendig aus. Aber irgendwie ist sie trotzdem glücklich. Einigermaßen. Eine jahrelange Therapie bei einem Psychiater zollt ihren Tribut.

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Sie fragt, warum ich weine. Ich glaube, sie ist bereits Person Nummer 101, die ich wie aus dem Nichts einfach voll heule. Schon ein paar Knaller rausgelassen in den letzten Wochen. Ich komme aktuell nicht zu Recht. Also eigentlich komme ich nicht zurecht, seit ich aus dem Flieger gestiegen bin. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlt es sich an wie ein Kampf, alleine im Ausland zu sein. Ich kämpfe gegen mich und den Rest der Welt. Und gegen diese gottverdammte Insel Koh Samui. Wir beiden werden einfach nicht warm miteinander, so sehr ich es mir auch gewünscht habe. Hinter jeder Ecke lauern Tücken und Hindernisse, die meinen Aufenthalt hier zum Spießrutenlauf machen. Und irgendwie bin ich ein bisschen durchgedreht, so dass aktuell gar nichts mehr geht. Gar nichts. Nada.

Insane in da brain.

Ich weine, weil ich mich schäme. Weil ich mich machtlos fühle und mittlerweile schon Angst vor mir selbst habe. Ich drehe fast durch, zerstöre mich selbst. Caroline hört sich alles an und wird nachdenklich. Sie fragt sich, wie sie wohl heute dasitzen würde, wenn sie einen anderen Weg eigeschlagen hätte – meinen. Und ich frage mich, wie es mir heute gehen würde, wenn ich Radiomoderatorin geworden wäre. Wer weiß das schon. Vielleicht würde ich heulend am Strand sitzen, und einer Reisebloggerin die Ohren voll heulen. Caroline. Begegnungen wie diese machen mich nachdenklich. Warum ist das so? Sind das Zeichen? Ich hatte viele Begegnungen in den letzten Wochen. Aber diese hat mich zutiefst verwirrt. Am Abend geht Caroline. Irgendwo hin, um irgendwie einen Reiseblog auf die Füße zu stellen.

Alles Gute, Caroline! Möge die Macht mit dir sein.

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3 Comments

  • Sarah sagt:

    Ihr Lieben,

    ich sitze gerade in meinem Büro, hab mir in meiner 1/2 stündigen Pause schnellstens meinen Fraß reingezogen, damit es um14 Uhr wieder weitergeht. 39-Stunden-Woche, ganz okay, Geld ist gut, aber glücklich ist auch anders. Letztes Jahr habe ich mich innerhalb von 3 Wochen in Thailand verliebt. Ich würde sofort tauschen! Also! Legt einfach nur mal einen Mecker-Tag mit einem hauch von Depressionen ein. Das wird wieder!
    LG aus dem kühlen Deutschland,
    Sarah

  • Marco sagt:

    Hey,
    Schicke dir ne große, fette Umarmung! Keine Sorge!
    Erstens gehen solche Phasen auch wieder vorbei, 2. geht’s jedem mal so, der auf Reisen ist & 3. sind es solche „negativen“ Zeiten die dafür da sind, die positiven umso intensiver wahrzunehmen.
    “ because it’s raining now, that doesn’t mean it will rain forever! “

    & außerdem passt ein Lächeln besser zu dir 😊

  • @blanklouis sagt:

    Wir sind zu viele. Blogger, mein ich. Und die Rastlosigkeit zu bremsen, ist sauschwer. Dann kommt die Ratlosigkeit. Ich gucke mir seit Jahren an, warum, wann und wo Leute am glücklichsten sind. In Spanien ziemlich klar: sie sind nie allein und irgendwo ist ne gute Fee, die kocht jeden Tag was Schönes zu essen. Wir brauchen manchmal ein Zuhause vieeleucht @catscosmos

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