„Miss, you can go to Seoul and San Francisco and New York with a final layover of 25 hours in Istanbul and then back to Germany, kah! In total it is 62 hours for 2.300 Euro please, kha“.
Ich versteh das nicht. Es geht mir nicht ein, in welche absurde Situation wir hier reingeraten sind, und irgendwie ganz offensichtlich nicht ohne Weiteres wieder rauskommen.
7 Tage ist es jetzt her, das Israel und die USA den Iran angegriffen und dieser seitdem US-Militärbasen im Nahen Osten beschießt – primär in Abu Dhabi und Dubai, dort wo der Flugverkehr für die gesamte westliche und östliche Welt umschlägt. Zu sehen, wie an Flughäfen wie Hamad & Co Scheiben zerbersten und Rauchsäulen aufsteigen, hinterlässt mich mit Ratlosigkeit – und ich bin irgendwie froh, dass wir jetzt ganz offensichtlich in Bangkok festhängen und nicht irgendwo in den Emiraten stecken. Auf Insta tummeln sich Bilder mit Menschenmassen, die sich völlig panisch über den DXB schieben und drücken – eine Situation, auf die man nach einem chilligen Urlaub bestimmt auch eher weniger Bock hat.
Die Situation am Bangkok International Suvarnabhumi Airport ist angespannt. Für mich zumindest, denn während ich die erste Hälfte der Woche nur in der Innenstadt und am Pool rumgegammelt habe, bin ich jetzt seit mittlerweile drei Tagen hier am Flughafen und versuche irgendwie wegzukommen – doch es will einfach nicht klappen. Und mittlerweile sehe ich schwarz, was meine Heimreise nach Deutschland betrifft – die Möglichkeiten sind mehr als begrenzt und hier schlagen sich die Leute die Köpfe ein, um irgendwie an neue Tickets zu kommen.




Es passieren so viel absurde Dinge: Menschen, die vor über einem halben Jahr ein Ticket für die Lufthansa nach Wien gebucht haben, haben zwar heute ein Ticket, aber keinen Sitzplatz, weil der Flieger so voll ist – und dürfen deshalb nicht mit. Wie diese massive Überbuchung zu Stande gekommen ist, weiß keiner so genau – als Lösung läuft die Crew nun mit Schildern an der Schlange vorbei und bietet den Fluggästen schlappe 600 Euro und eine Übernachtung in einem Luxushotel an, wenn sie sich vorstellen können, von ihrem Flug zurück zu treten. Damit andere nachrücken können, die dringender nach Hause müssen.
Die Preise für Direktflüge schießen so dermaßen in die Höhe, dass mir speiübel wird beim Gedanken, das Ganze tatsächlich zu bezahlen: Condor beispielsweise nimmt für einen Direktflug nach München schlappe 5.499 Euro – freie Plätze gibt es aber erst in der nächsten Woche.
Das muss man sich mal vorstellen.
Als günstigere Alternative öffnet ThaiAirways zwei Mal pro Tag eine Liste mit StandBy Flügen nach Europa. Zu zwei festgelegten Zeiten darf man sich dann ein Ziel aussuchen und dafür einen Warteplatz bekommen, das bedeutet konkret: Wenn jemand nicht kommt in dem ohnehin schon überfülltem Flieger , dann rückt eine anderer Person von der Warteliste nach. Ingesamt vier mal machen wir in den kommenden Tagen bei der Fluglotterie mit – für Flüge nach Zürich, München, Frankfurt und London – dazu campieren wir vor den Schalter, laden unsere Kreditkarten auf, und warten. Wenn es klappt, geht es alles ganz schnell: 1.500 Euro zahlen, losrennen, reinspringen, Abflug. Doch es klappt nicht bei uns – wir scheitern bei jedem einzelnen Versuch und verlassen den Flughafen nach drei erfolglosen Tagen ohne Ticket zurück Richtung Bangkok Innenstadt.


Hier ist alles beim Alten. Während die Welt gerade zu eskalieren scheint, geht im wuseligen Zentrums von Bangkok alles seinen Gang. Doch so schön es auch ist, merke ich, dass ich mittlerweile in einem elendigen Loch hänge – was mich nach einer traumatische Odyssee ohne Schlaf, Herzrasen und Kopfkino auch nicht wundert. Dass ich extrem gestresst bin, merke ich am Pool. Irgendjemand ist mit einer Säge zu Gange, und das Geräusch zerfrisst mich innerlich. Letzte Woche hätte mir das nichts ausgemacht – da war ich aber auch noch maximal erholt und kam frisch von der Insel, hatte eine Heilfastenkur, ein YogaRetreat und ganz viel Sonne in Peto.


Beim Mittagessen erlaubt eine Mutter am Nachbartisch ihren zwei Bälgern, Blechdosen mit Schnüren an ihren Fußsohlen festzubinden, womit sie an unserem Tisch vorbei auf und ab laufen dürfen. Ich frage mich, ob die alle noch ganz dicht sind und breche in Tränen aus. Mir wäre es ehrlich gesagt recht, wir fliegen gar nicht Heim – oder eben doch über den Nahen Osten mit unserer ursprünglichen Airline via Schardscha – so dann der Luftraum denn irgendwann mal öffnet und alles seinen regulären Gang geht. Bis dahin schön zurück auf die Insel und einfach abwarten, was wirklich ganz hervorragend klingt, wie ich finde. Was mir Recht ist, lässt meinem Chef, meiner Familie und meiner Freundin das Blut in den Adern gefrieren, wodurch diese Lösung stirbt und wir uns weiterhin um alternative Wege bemühen müssen.
Na klasse.
Am morgen nach dem schlimmen Tag finden wir einen Flug, der an sich beschissen, aber mittlerweile eine der wenigen noch vorhandenen Optionen ist. Auf der Gefahr hin, dass ein weiteres Drama entsteht, buchen wir die neu gehobene Perle für 1.250 Euro und versuchen uns so, aus Thailand zu evakuieren: Über Kambodscha soll es nach Xiamen und Peking in China und final nach Istanbul in die Türkei gehen, um dann, irgendwann, von dort aus nach Deutschland zu fliegen. Was für eine tolle Idee! Nun müssen wir also nur irgendwie nach Phnom Penh kommen und von Istanbul nach Hause ist es ja quasi nur noch ein Katzensprung.
Hello Phnom Penh!
Und so reisen wir für 45 Euro mit einer winzige Maschine Richtung Osten, wo wir das Beste aus dieser völlig absurden Situation rausholen und uns eine schöne Zeit machen. Phnom Phen ist cool. Ich war hier schon mal, 2011, das ist also mittlerweile schlappe 15 Jahre her. Und eigentlich hab ich die Stadt damals in keiner guten Erinnerung behalten – einzig und allein das Tuol Slang S21 GenozidMuseum hat mich schon bei meinem ersten Besuch extrem krass beeindruckt, und so freue ich mich, dass wir auch heute nochmal hinfahren, um uns mit der düsteren Geschichte Kambodschas zu beschäftigen. Gerade einmal 50 Jahre ist es her, dass die roten Khmer unter der Führung des völlig wahnsinnigen Pol Pots einen „reinen“ Bürgerstaat errichten wollten, und alles uns jeden umgebracht haben, der als „zu intelligent“ galt. Dazu gehörten Brillenträger, Ärzte, Juristen, Studenten und Menschen, die eine zweite Sprachen beherrschten und somit als zu gebildet galten. Weil Kambodscha aber französisch kolonialisiert war, hat fast jeder Mensch sowohl kambodschanisch als auch französisch gesprochen, und somit wurde auch fast jeder Mensch umgebracht – nachdem er auf grausamste Art und Weiße von den Wächter der Roten Khmer im Tuol Slang S21 und weiteren „Säuberungszentren“ gefoltert wurde. Und das ist in diesem Museum auf gezeichneten Bildern festgehalten. Männer werden an ihren Händen festgehalten und an Galgen hochgezogen – wer vor Schmerzen schreit, was die meisten getan haben, wird Kopf über in einen Trog voller Fekalien gesteckt. Frauen liegen in Eisenfesseln auf Holzpritschen, Wächter stehen um sie herum und knipsen ihnen mit kleinen Zangen die Brustwarzen ab und lassen 1000-Füßler über ihre Wunden und in ihre Vagina kriechen. Danach gehen wir zu den Killing Fields – dem Ort, an dem die Menschen, die die Folter überlebt haben, hingebracht wurden, um dann mit einem Kopfschuss direkt in ein Massengrab befördert zu werden.


Mitgenommen und leicht apathisch beenden wir den Geschichtsunterricht nach ein paar Stunden und lassen uns durch die quirligen und bunten Straßen der irgendwie doch ganz schönen Stadt treiben. Zwischen royalen Palästen, die mit aufwändigem Steinornamenten versehen sind, stehen kleine Garküchen, an denen es Suppen, gebratene Spieße und Muscheln gibt. Hier und da steht ein Verkäufer, der Luftballons und kleine Minidinosaurier verkauft, für die vielen Kinder, die sich in den Gassen der Millionen-Metropole tummeln.Wir gelangen zum Mekong, wo bunt beleuchtete DinnerSchiffe in die Nacht hinaus streifen. Menschen stehen auf der Straße und Tanzen zu den Gangnam Style und ich frage mich mal wieder, warum in asiatischen Ländern eigentlich immer wieder dieser uralte Sound läuft – das war schon vor 15 Jahren so und auch heute hat sich nicht viel dran geändert. Wir finden einen Night-Market, wo es an jeder Ecke ganz arg lecker riecht und setzen uns dort auf den Boden, wo ich mir eine Seafood-Nudelsuppe und Gyozas bestelle.


Am Abend liege ich in meinem Bett und kann nicht schlafen und versinke in Grübelei. Jetzt, da ich schon 10 Tage zu lange in Asien bin und mich irgendwie versuche, nach Deutschland zurück zu kämpfen weil ich muss, fällt mir auf erneut auf, dass ich das eigentlich gar nicht will. Was für eine Überraschung! Es zieht mich nicht zurück nach München, einzig und alleine mein Job ist es, der dort auf mich wartet, und wenn ich ehrlich bin, hab ich auf diesen keine Lust. Es ist so absurd: Ich bin nach München gezogen, weil ich so gerne für Pro7 Reporterin auf der ganzen Welt sein wollte, nun hänge ich fest, auf der ganzen Welt, wo es unendlich viel zu berichten gäbe, und muss nach Hause, weil mein 9-to-5 Bürojob auf mich wartet, wo ich 40 Stunden die Woche auf einen Bildschirm glotze und täglich an fünf Online Meetings für jeweils 30-60 Minuten teilnehme, für die ich noch nicht mal im Homeoffice bleiben kann. Könnte ich Homeoffice machen, könnte ich nun hier in Kambodscha bleiben, und so wie ich diese Zeilen tippe, ließt es sich eigentlich wie ein schlechter Scherz.
Oder?
Außerdem geht es mit auch körperlich schlecht, denn es ist der Abend vor unserer Rückreise über Xiamen, Peking und Istanbul. Kopfschmerz, Übelkeit, Durchfall. Ich merke, dass mich der Gedanke an den Trip extrem anspannt. Irgendwas geht bestimmt schief. Wie immer. Am Morgen hängen pechschwarze Wolken über Phnom Penh, die den Anschein machen, als würde jeden Moment ein schreckliches Unwetter über die Stadt hinein brechen. Regen prasselt auf den Boden und alles ist dunkel. So schlechtes Wetter gab es in fünf Wochen Asien kein einziges Mal – dafür dann eben heute, wenn wir einmal um den halben Globus fliegen wollen.
Warum auch nicht.
Auf dem Weg zum Flughafen habe ich Herzflattern und Darmdruck. Die Rush Hour sorgt für ein Verkehrschaos, das ich so in Kambodschas Hauptstadt bisher noch nicht erlebt habe, und unser Taxi bewegt sich keinen Meter von der Stelle, während es von tausenden Rollerfahrern umzingelt wird. Ich versuche mich zu beruhigen – aus Angst, den ersten von drei Flügen zu verpassen haben wir vorsichtshalber einen Extrapuffer von einer Stunde eingebaut, der für unvorhergesehenen Ereignisse wie Megastau greift – also jetzt. Und so kommen wir trotzdem satte drei Stunden vor Abflug am neuen, pompösen KTI Techo International an. Dort läuft es zwar nicht wie gewünscht, aber immerhin läuft es ein bisschen: Wir werden für unseren ersten Flug nach Xiamen im Süden Chinas eingecheckt, bekommen eine Bordkarte und dürfen sogar unser Handgepäck bei uns behalten, das doppelt so viel wiegt, als es sollte. Zwei weitere Boardkarten nach Peking und Istanbul gibt es nicht für uns, dafür aber den Hinweis, dass wir nicht durchgecheckt werden können weil es sich um unterschiedliche Airlines handelt, und somit in Xiamen noch mal von vorne starten müssen, wofür wir aber nur lumpige zwei Stunden Zeit haben.
„Sorry Miss, you might be in a rush, so hurry up once we arrive“!
Herrschaftszeiten.
Wir beschliessen, und nicht unterkriegen zu lassen – auch nicht, als ein Mann in der Abflughalle im Fünf-Minuten scheinbar Galle aus seine Rachen hustet und diese wieder runterschluckt. Und so boarden wir nach Xiamen und sind vorerst glücklich. Als wir endlich in Istanbul sind und tatsächlich ein Flugticket nach München ergattern können, übermannen mich meine Gefühle. Ich will tatsächlich eigentlich gar nicht nach Hause – das wollte ich schon vor zwei Wochen nicht, als der Urlaub erfreulicherweise zwangsverlängert wurde. Ich bin angepisst und stelle mir was-wäre-wenn- Fragen. Was wäre, wenn ich alleine gereist wäre? Dann wäre ich jetzt auf jeden Fall noch dort – das weiß ich. Wobei – wahrscheinlich stimmt das gar nicht. Meinem Chef wäre es nicht recht gewesene, und hätte ich darauf einfach geschissen und wäre geblieben, wäre ich wahrscheinlich hochkant rausgeflogen. Wo sich allerdings schon die Frage stellt:
Wäre das gut oder schlecht gewesen?
München ist kalt. Am Airport ziehe ich meinen Pass über eine Glasfläche, ein Signal ertönt, die Schranke öffnet sich und ich bin drin. Zurück in dem Leben, bei dem ich vor gut 5 Wochen den Exitknopf gedrückt habe. Ein Schleudersitz war das eigentlich. Einmal Thailand, nie mehr zurück, wäre bestimmt besser gewesen, aber nun bin ich wieder da und es muss irgendwie weiter gehen.
Ich kaufe ,mir ein Ticket für 12, 90 in Zone M und stelle 5 Minuten später bei der Kartenkontrolle fest, dass 12,90 zu wenig und Zone M die Falsche war. Was mich schlappe 60 Euro kostet, weil dieser Riesen Arsch von Kontrolleur nicht mit sich reden lässt. Ich streite und weine in der Sbahn und will dem Typen in seine mit Sicherheit winzigen Eier treten, kann mich aber zügeln und blicke mit den Tränen in den Augen aus dem Fenster, während meine Personalien aufgenommen werden und andere Fahrgäste mitleidig in meine Richtung schauen. Hass und Scham überkommen mich und ich bereue schon jetzt, dass ich überhaupt zurück gekommen bin.
