Die Geschichte vom Organic Lifestyle, Schleifmaschinen und ein bisschen Hokus Pokus

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„Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ Die Kinder antworteten: „Wir sinds, Cat und Afton, lass uns rein, verdammte Scheiße, es ist sau windig!“. Die alte Frau wackelte mit dem Kopf und sagte: „Ei, ihr lieben Kinderlein, wo seid ihr denn hergekommen? Kommt herein, ihr sollt es gut bei mir haben.“ Dort wurde wildes Essen aufgetragen, Rohmilch und Vollkornbrote, lila-farbene Kartoffeln und Leinsamen, und dann wurden zwei schöne Bettlein bereitet, da legten sich Cat und Afton hinein und meinten, sie wären im Himmel. Oder in der Hölle.

Soviel zur Rahmengeschichte.

4 Wochen waren die Beiden jetzt bereits zusammen unterwegs und weil der Wein nicht umsonst war, das Essen zu dekadent und die Unterkünfte unverschämt teuer, musste ein Sparplan her. Wwoofing hieß das Programm, für das sie sich völlig enthusiastisch anmeldeten, ohne jegliche Ahnung, auf was sie sich einließen. Für eine einmalige Gebühr von 28 Euro waren sie von nun an befugt, auf den schönsten Farmen, in den wildesten Gärten oder auf wunderschönen Feldern zu arbeiten.

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4 Stunden Arbeit pro Tag sollten es sein, dafür gab es einen Schlafplatz für lau und 3 deftige Mahlzeiten pro Tag. Der Hunger war wegen der ungewohnten Frischluft und zahlreichen Outdoor-Aktivitäten in Neuseeland groß, in den letzten Wochen wurde dafür eine nicht publizierbare Menge an Geld ausgegeben. Sie waren sich sicher, dass sie somit ihr angekratztes Budget ein bisschen zusammenhalten konnten. Bereits im Online-Bewerberprofil konnten sie wählen, in welchen Arbeitsfeldern sie denn bereits Erfahrungen gesammelt hatten. Zaunarbeiten, Gartenbepflanzung, Milchwirtschaft, Mechanik, Elektronik und vieles mehr stand zur Auswahl. Wenngleich Cat in ihrer Kindheit auf dem Dorf aufwuchs, kreisten die Fragezeichen um ihren Kopf. Eigentlich konnte sie gar nichts von alledem, so entschied sie sich, in die Vollen zu gehen und vorsorglich alle Felder mit „well experienced“ anzukreuzen. Das Profil sollte ja attraktiv aussehen.

Ein fataler Fehler.

Mitten auf der Nordinsel, am wunderschönen Lake Taupo, schlackerte eine alte Frau mit den Ohren, als sie auf die phänomenalen Bewerberprofile stieß. Wer so dermaßen gut ausgebildet ist wie diese beiden Gartenexperten wird natürlich liebend gerne im eigenen Heim aufgenommen.

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Wie bei fast jedem Wwoofing-Arbeitsplatz handelte es sich um eine Hardcore-Bio-Organic-Farm, auf der ein gesunder Lebensstil groß geschrieben wird und mit den nötigen Lebensmitteln auch 24/7 gefördert wird. Da sich Cat vor der ganzen Aktion in keinster Weise informiert hatte und einfach jubelnd ins Auto gesprungen ist, hatte sie von all dem keinen blassen Schimmer. Wahrscheinlich passte sie eher weniger in dieses Konzept, aber da sie nun schon mal da war, schlug sie sich fortan den Bauch mit gedämpfter roter Beete, geschmorten gelben Rüben und einer Vielzahl anderer Gemüsesorten voll, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ein bisschen Fleisch und Fisch sollte sie auch bekommen, es stammte aber ausnahmslos von super glücklichen Tieren, die in ihrer Freizeit mit Sicherheit sehr liebevoll umsorgt wurden. Bis zum Schlachttag.

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Gleich am ersten Abend stierte Cat ungläubig in die verschiedenen Topf-Variationen und fragte sich, welch wildes Gewächs sie denn da nun bitteschön essen sollte – alles war ihr neu. Auch das rothaarige, Handlinien-Lesende Hexenweib aka Tochter schien der Gemüsevielfalt weniger belesen, so kam auf Cats neugierige Nachfrage die informative Antwort „green stuff“.

Es saßen also alle im selben Boot.

Falls gerade keine passende Uhrzeit für einen Frühstücks-Avocado-Shake, ein Lunch-Vollkornweizen-Wrap oder einem Dinner-Kohleintopf war, sollte sie dennoch nicht Hungern und wurde liebevoll mit veganem Kuchen und ein paar super gesunden Vitamin und Mineral-Irgendwas Pillen aus dem Healthy-Store gefüttert. So langsam aber sicher fragte sie sich, warum sie denn so dermaßen ins unermessliche gemästet wurde.

Diese Energie sollte sie im Laufe der Woche noch brauchen.

„Kinderlein, es ist an der Zeit für die ersten Arbeitsstunden. Eine Woche seid ihr für mich da und ich wünsche mir von ganzen Herzen, dass ihr folgende Aufgaben mit gutem Gewissen erledigt: Bepflanzt den üppigen Garten mit grünen Salaten und frischem Gemüse, mit bunten Blumen und gesunden Früchten. Düngt es mit meinen 5 verschiedenen Spezialmittelchen und Sonder-Erdsorten wie ihr es gelernt habt – ihr wisst ja sicherlich, was mit den Pflanzen passiert, wenn ihr sie falsch anordnet oder den Dünger durcheinander bringt. Zerhackt außerdem diesen 500-Kilo schweren Holzklotzstapel in ofengerechte Stücke, ich möchte es wohlig warm für den kalten Winter haben. Außerdem sollt ihr mit einer Kettensäge den restlichen Holzvorrat in 30 cm große Stücke zerteilen – bitte akkurat, ich möchte es für eine gemeinnützige Organisation spenden. Und wenn ihr fertig sein, schleift ihr mit dieser Spezialschleifmaschine all meine Fenster ab, lasst sie mit einer Grundlasur ein und bepinselt sie danach weiß. Viel Spaß.“

Schöne Scheiße.

Cat ließ das Gesagte sacken und war sich einer sofortigen Ohnmacht beinahe sicher. Hätte sie doch nur nicht gelogen! Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit war seit sie denken konnte ihr Lebensmotto, so kam sie die letzten 28 Jahre ganz gut durch. Doch wie sollte sie denn mit einer Kettensäge sicher auftreten?

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Es gelang ihr irgendwie und beide Kinderlein hatten sichtlich Freude an den aufgetragenen Aufgaben. So sägten sie so stark sie konnten, bepflanzten einen gesamten Garten und bepinselten eine Vielzahl alter Holzfenster, dafür waren sie ja anscheinend da.

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Eine Woche sollte dieser ganze Spaß dauern, zum Ende hin hörte Cat langsam aber sicher leise Stimmen in ihrem Kopf.

Alkohol! Alkohol! Bitte, bitte, gib mir ganz viel Alkohol!

Und da für das Wochenende ein freier Tag vorgesehen war, stürzte sie sich sofort mit Afton an den Strand, kippte sich ein paar Bierchen hinter die Binde und rannte so schnell sie konnte in den nächsten Club, wo sie sich die Seele aus dem Leib feierte. Das Erlebte musste ja irgendwie verdaut werden.

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Der nächste Tag war kein guter für Cat, mit blutunterlaufenen Augen stand sie völlig zerschossen in der Küche und überlegte sich, wie sie diese entsetzlichen Kopfschmerzen beseitigen konnte. Ein Glück wurde im Hexenhaus auch Akupunktur und Reflexzonenmassage groß geschrieben, ein angebliches Allheilmittel gegen allerlei Schmerzen. Sie gab natürlich nicht zu, woher sie die Schmerzen hatte – wahrscheinlich hatte sie sich böse verlegen. Mit einer Vielfalt an natürlichen Hilfsmitteln konnte sich Cat eigentlich nicht anfreunden, umso größer war das Entsetzen der alten Frau, als sie eine enorme Auswahl chemischer Hilfsmittel in Cats Zimmer entdeckte. Das Spektrum reichte von Thomapirin über Ibuprofen bishin zum ultimativen Pain-Killer Formigran.

Eine Schande für die gesamte Biofarm!

Die Diskussionen waren schier endlos, letztendlich verzichtete Cat auf Ihre Tabletten und ließ sich auf eine Akupunktur Stunde ein, wenngleich sie der Effizienz eine gewisse Skepsis entgegen stellte. Wild entschlossen drückte die alte Frau auf Cats Füßen herum und fand dadurch die interessantesten Dinge in ihrem Körper, unter anderem eine Niere, die an diesem Tag eine extreme Tätigkeit aufwies, da sie wohl einiges zu tun hatte. Cat wusste, was jetzt kommt. Die alte Frau schniefte tief und Cat beobachtete das zuckende Augenlid und sah den Dampf schon förmlich aus den Ohren schießen.

Alkoholkonsum wurde auf der Biofarm nun wirklich eher weniger begrüßt.

Als Teufel bezeichnete sie das, was aktuell in ihrem Bauch säße, es könne entweder auf Alkoholkonsum oder aber stressige letzte Monate zurückzuführen sein. Um den Hausfrieden nicht zu brechen entschied sich Cat für eine weitere Lüge und gab den stressigen Monaten die Schuld. Außerdem war sie sich durchaus bewusst, dass in ihrem Bauch ein Teufel saß, schließlich wurde sie nun seit 7 Tagen ins unermessliche gemästet! Diesen Kommentar verkniff sie sich aber vorsichtshalber. Ein letzter Tag ging letztendlich und überraschenderweise ohne Kopfschmerz vorbei, eine weitere Blume wurde gesät und ein nährreicher Kohl-Happy Hühnchen- Green Stuff – Auflauf verzerrt – und schon war die Woche vorbei. Im Nachhinein schämte sich Cat ein bisschen, dass sie mit ihrer gesunden Skepsis so viele Dinge in Frage stellte. Denn eigentlich hatte sie in diesem urigen kleinen Heim eine wunderschöne Woche, mit einem fabelhaften eigenem Zimmer, 2 knuddeligen Katzen und dem wohl gesündesten Essen, das sie seit Jahren zu sich genommen hatte.

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So wünschte sie sich sehr, dass ihre gepflanzten Salate eines Tages wachsen und gedeihen würden und auch das zerhackte Holz irgendwie in den Ofen passte. Falls nicht, tat es ihr sehr Leid um den nächsten Wwoofer, der ihre Schandtaten wohl ausbügeln müssen würde. Allerdings würde sie das niemals erfahren, den bis dahin würde Cat längt über alle Berge sein.

Ende

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